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AD(H)S und Introversion bei Erwachsenen

AD(H)S und Introversion schließen sich aus? Absolut nicht! Ich verrate dir, wieso.

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Lesezeit6 Minuten, 51 Sekunden

Du machst meistens gefühlt 20 Dinge gleichzeitig – und fühlst dich anschließend, als hätte dir jemand die Stromversorgung gekappt? Du bist oft schusselig, vergisst Termine oder Anrufe und verlegst Dinge, die du noch Sekunden vorher in den Händen gehalten hast? Unordnung scheint dich schon dein ganzes Leben lang zu begleiten und du weißt nicht, warum? Dann könnte es sein, dass du nicht nur introvertiert bist, sondern auch AD(H)S hast!

Eins einmal vorneweg: Das hier ist keine psychologische Beratung und wenn du denkst, dass auch du AD(H)S und Introversion haben könntest, dann würde ich dir empfehlen, zum Arzt deiner Wahl zu gehen. Nein, AD(H)S ist keine gefährliche Krankheit, die unbedingt behandelt werden muss. Aber sie bringt einige Wesenszüge mit sich, die es uns im Leben nicht unbedingt leichter machen. Du hast keine Ahnung, was AD(H)S ist? Ich erklär dir in diesem Artikel was es bedeutet, wie es sich äußert, warum es sich anfühlen kann wie dein ganz persönlicher Heiliger Gral – und warum ich denke, dass eine Therapie nicht ganz verkehrt sein könnte. 

AD(H)S bei Erwachsenen? Kommt häufiger vor als du denkst!

ADHS kennst du eher von extrem aktiven Kindern, die oft den Unterricht stören und herumlärmen? Das geht den meisten so. Doch AD(H)S bei Erwachsenen ist häufiger, als man vielleicht annimmt. Es wird geschätzt, dass rund 15 % der Kinder und Jugendlichen mit ADHS auch als Erwachsene noch Symptome der Störung zeigen.  Manchmal wird AD(H)S auch erst im Erwachsenenalter festgestellt. Dann leben die Betroffenen meist lange mit der neurobiologischen Störung, ohne davon überhaupt zu wissen. Denn sie entsteht nicht erst im Erwachsenenalter, sondern hat genetische Faktoren. Sie besteht also von Kindheit an. 

Allerdings wächst sich diese Störung nicht im Laufe der Kindheit aus, wie damals oft vermutet wurde. Die Symptome verändern sich aber im Zuge des Alters. Hyperaktivität zum Beispiel verlagert sich bei Erwachsenen meist eher nach innen. Während Kinder mit ADHS einen akuten Bewegungsdrang haben, berichten Erwachsene mit ADHS eher über innere Unruhe und Rastlosigkeit. 

Gut zu wissen

AD(H)S umfasst nicht nur den hyperaktiven Typ, sondern auch den verträumten. Dieser wurde früher auch oft als ADS bezeichnet.

AD(H)S - Was ist das überhaupt?

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (kurz und gängig AD(H)S genannt) ist eine neurobiologische Störung, die durch ein Ungleichgewicht bzw. eine Veränderung im Neurotransmittersystem im Gehirn ausgelöst wird. So ist zum Beispiel die Vermittlung der Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin  gestört. Diese Stoffwechsel- und Funktionsstörungen im Gehirn sind auch dafür verantwortlich, dass AD(H)S-Betroffene sich schwer fokussieren und konzentrieren können. Schuld ist eine gestörte Selbstregulation. Die zeigt sich übrigens auch darin, dass betroffene Personen sich oft schwer selbst organisieren und koordinieren können. 

Erbliche Belastung ist ein weiterer Faktor in der AD(H)S-Entstehung. Das heißt: Wurde bei dir AD(H)S diagnostiziert, ist es sehr wahrscheinlich, dass bei deinen Eltern oder Großeltern auch Symptome zu finden sind. 

Einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Störung haben auch psychosoziale Einflüsse, wie zum Beispiel das Familienleben oder das Schulleben. Psychische Erkrankungen der Eltern, Trennungen, Instabilität oder spürbar niedriges Einkommen können die Symptome und die Störung verstärken. Ebenso wie häufige Kritik oder Bestrafungen innerhalb der Familie und im Schulleben. 

Wie äußert sich AD(H)S bei Erwachsenen?

Einer der Gründe, warum AD(H)S im Erwachsenenalter oft nicht  oder erst spät erkannt wird, ist, dass es weniger offensichtlich ist, als noch im Kindesalter. Erwachsenen fällt eher auf, dass sie seit Jahren Probleme haben, ihren Alltag und oft auch ihre Arbeit zu organisieren. Die meisten haben auch Schwierigkeiten, sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren, Papierkram zu erledigen wie Rechnungen zu bezahlen – oder auch einfach Termine einzuhalten.

Viele ADHSler kommen zu spät zu Verabredungen, vergessen ihre Freunde anzurufen oder verlegen ständig irgendwelche Dinge, die sie wenige Augenblicke zuvor noch in der Hand hatten. 

Impulsive Ausbrüche und ungeduldiges Ins-Wort-Fallen gehören ebenso dazu wie häufiges Chaos und das Gefühl, schlecht zur Ruhe kommen zu können. 

AD(H)S und Introversion

Okay. Wir wissen jetzt also, was AD(H)S ist und wie sie sich äußern kann. Aber was zur Hölle hat AD(H)S jetzt mit Introversion zu tun? Viele gehen davon aus, dass die beiden sich ausschließen. Weil ADHS mit der Hyperaktivität ja eher extrovertierte Züge aufweist, während Introversion eher bedeutet,  in sich gekehrt zu sein.

Aber so gegensätzlich sind sie nicht, wenn man bedenkt, dass AD(H)S ja zwei verschiedene Typen umfasst: den hyperaktiven und den verträumten/unaufmerksamen. Der verträumte AD(H)S-Typ weist ähnliche Verhaltenszüge auf wie Menschen mit einer introvertierten Persönlichkeit. Dadurch fällt oft nicht auf, wenn introvertierte Personen zusätzlich AD(H)S haben. 

Der unaufmerksame und verträumte Typ unterscheidet sich darin, dass die übermäßige Aktivität nicht auf die Motorik bezogen ist, sondern sich auf das Gehirn auswirkt. Betroffene machen oft zig Sachen auf einmal, bringen aber nicht alle zu Ende. Sie denken bereits 5 Schritte weiter, obwohl sie noch beim ersten Schritt sind. Oft haben sie das Gefühl, dass ihr Kopf zu voll ist, um vernünftig zu denken. 

Gut zu wissen

Menschen mit AD(H)S können Reize nicht gut filtern und absorbieren praktisch alles, was an Eindrücken auf sie einprasselt.

“Verträumte” AD(H)Sler und Introvertierte sind beide sehr sensibel und können schnell von zu viel sozialen Interaktionen und Eindrücken überfordert werden. Menschen mit AD(H)S sind generell empfänglicher für externe Reize und Eindrücke als neurotypische Personen. Deswegen lassen sie sich oft auch von Kleinigkeiten wie Nebengeräuschen schnell und leicht ablenken. 

AD(H)S-Diagnose: Der Heilige Gral?

Warum also jetzt die Verbindung von der Diagnose von AD(H)S bei Introversion und dem Heiligen Gral? Das ist meine ganz eigene Verbindung. Vielleicht seht ihr das auch anders. 

Als bei mir der Verdacht aufkam, dass ich AD(H)S haben könnte, hat das für mich SO viel in meinem Leben erklärt, über das ich mir früher den Kopf zerbrochen habe. 

  • Meine Schusseligkeit war da noch das geringste meiner Probleme
  • Meine Unaufmerksamkeit in der Schule und die Unfähigkeit, mir Sachen gut zu merken, die mich nicht im Geringsten interessiert haben. Mathe war immer mein Feind. Es sei denn, ich hatte einen guten Lehrer, der mein Problem erkannt hat und mir die Sachen so lange erklärt habe, dass ich sie wirklich verstanden habe. 
  • Die Unordnung, die meine Mutter damals immer bei mir kritisiert hatte. Sie verfolgt mich seit meiner Kindheit und lässt sich nie ganz abschütteln. Ich habe mich oft gefragt, warum Ordnung und Aufräumen für andere so einfach und selbstverständlich war und für mich so schwer. 
  • Meine Konzentrationsprobleme und Fokusprobleme, die sich bei Stress zu verstärken schienen
  • Dieses “mit den Gedanken abschweifen”, das willkürlich auftrat, die Tagträumereien, das “mit halbem Ohr zuhören”
  • Dieses “nicht abschalten können”, den Kopf so voll haben, dass ich manchmal kaum denken konnte
  • 10 Projekte gleichzeitig anfangen, aber nur wenige davon wirklich weiter – oder sogar zu Ende – führen können. 

Was mich auch immer an mir selbst gestört hat, ich aber nie abstellen konnte, war, anderen ins Wort zu fallen. Das stört mich an anderen massiv – aber es passiert mir auch oft selbst, wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber kommt nicht auf den Punkt. Dann werde ich ungeduldig, gerade wenn ich noch viel zu tun habe. 

Es gab so viel, was ich versucht habe, an mir zu ändern. Mit mäßigem Erfolg. Endlich zu wissen, dass es dafür eine Ursache gibt – eine neurobiologische, nicht “Faulheit”, wie mir gerne unterstellt wurde – das hat so viel Druck und Sorgen weggenommen. Das Gefühl, nicht richtig zu sein, komisch zu sein. 

Wenn du die Ursache kennst, kannst du an der Lösung arbeiten

Eine Diagnose sollte meiner Meinung nach nie dazu da sein, sich zurückzulehnen und alles mit der Störung oder der eigenen Persönlichkeit zu entschuldigen. Aber sie kann es einem leichter machen, an bestimmten Aspekten und Verhaltensweisen zu arbeiten. Manchmal schafft man es allein, und manchmal ist eine Therapie ein guter Kickstart, um die richtigen Veränderungen anzustoßen. 

Was für dich das richtige ist, das musst du selbst herausfinden. Wichtig ist, dass du einen Weg findest, der zu dir, deiner Diagnose und deinen Bedürfnissen passt. 

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