[dsgvo_service_control]

Wie Introvertierte im Berufsleben besser bestehen können

Introvertierte haben es im Berufsleben nicht unbedingt leicht. Im heutigen Berufsleben scheinen extrovertierte Mitarbeiter*innen deutlich höher im Kurs zu stehen als introvertierte Zeitgenossen*innen. Es geht um soziale Kompetenz, Wettbewerbsorientierung, Schnelligkeit, Durchsetzungswillen, Kontaktfreudigkeit, Diskussionsfreudigkeit – die Liste können wir unendlich fortsetzen. In der heutigen Gesellschaft kommt es häufig auf den Ellenbogeneinsatz an. Wer sich gegen andere durchsetzen und aus der Masse hervorstechen kann, ist erfolgreich. Das gilt nicht nur im Privatleben, sondern auch im Berufsleben. Der strahlende Mittelpunkt einer jeden Party und jedes Meetings.

Introvertierten hingegen sind Selbstdarstellung, Networking und alles, was mit viel Aufmerksamkeit auf ihre Person zu tun hat, oft unangenehm. Sie halten den Ball flach und bekommen daher oft nicht die Anerkennung und Wertschätzung, die ihnen eigentlich zustünde. Daher haben es Introvertierte im Berufsalltag häufig schwerer als ihre extrovertierten Kolleg*innen. In vielen Alltagssituationen überrollt sie deren dominante Persönlichkeit ganz einfach.

Gerne werden Introvertierte im Job auch besorgt angeschaut, wenn sie- in Gedanken versunken – an ihrem Tisch brüten oder sich in eine ruhige Ecke zurückziehen. Es erscheint den meisten unnormal und sie versuchen aus einem automatischen Antrieb heraus, introvertierte Personen zu mehr Aktivität und sozialen Kontakten zu bewegen. Gut gemeinte Versuche, die jedoch absolut nicht das gewünschte Ergebnis bei der entsprechenden Personengruppe bewirken.

workplace, team, business meeting

Ohne Planung? Ohne mich!

Introvertierte sind allerdings keinesfalls unglücklich. Zumindest nicht wegen ihrer Introversion und ihrer ruhigen Art. Auch wenn sie im Berufsleben mit deutlich mehr Selbstzweifeln zu kämpfen haben als ihre extrovertierten Kolleg*innen. Ihnen widerstrebt es in der Regel, sich vor anderen in Szene zu setzen oder sich selbst enthusiastisch zu loben. Auch werden sie kaum auf Anerkennung ihrer Arbeit pochen. Manchmal werden diese Leistungen dann häufig von Kolleg*innen und Vorgesetzten übersehen oder sogar anderen Personen zugeordnet. Kein Wunder also, dass sie an so manchem Selbstzweifel zu knabbern haben, die durch solche Situationen natürlich noch befeuert werden.

Extrovertierte Mitarbeiter brauchen keine detaillierten Pläne für ein Projekt. Sie brauchen eine grobe Richtung und wollen einfach sehen, dass Bewegung um Spiel ist. Alle Feinjustierungen nehmen sie quasi »unterwegs« vor, während das Projekt läuft. Ebenso Kurskorrekturen. Introvertierte Mitarbeiter*innen hingegen planen erst das gesamte Projekt bis ins kleinste Detail, bevor sie den Startschuss setzen. Erst wenn sie von ihrem Konzept überzeugt sind und davon ausgehen, alle verfügbare Kompetenz nutzen zu können, dann fangen sie mit der Ausführung an. Sie warten auf den richtigen, den perfekten Augenblick. Schließlich soll das, was sie abliefern, perfekt sein. Das geht nun wirklich nicht ohne minutiöse Vorbereitung bis ins kleinste Detail. Man kann aber auch Projekte »kaputtplanen« und was, wenn der magische Moment für den perfekten Startschuss einfach nicht kommen will? Das ist eine der Schwächen von Introvertierten im Berufsleben. Und das sage ich als Introvertierte.

Wer sie nicht kennt, unterschätzt sie oft

Was man bei Introvertierten im Berufsalltag selten erleben wird: Plappern. Sie sind keine großen Freunde von Smalltalk und reden am liebsten erst, wenn sie selbst das Gefühl haben, etwas Wichtiges sagen oder beitragen zu können. Was und vor allem wie sie etwas sagen, sind für Intros enorm wichtig. Oft stehen oder sitzen sie in Gesprächsrunden und sehen sich das Spektakel schweigend an. Introvertierte sehen Schweigen nicht als Bedrohung an, sie genießen es sogar bis zu einem gewissen Grad. Es ist eine sehr willkommene Möglichkeit, um Luft zu holen und die Gedanken zu sortieren. Darum mögen sie es auch, wenn sie konzentriert und allein an etwas arbeiten zu können, ohne ständig durch Konversationen aus ihrer Arbeit herausgerissen zu werden. Stattdessen versuchen Introvertierte im Job, mit Teammeetings, Telefonaten, Brainstormings und Präsentationen umzugehen, obwohl ihnen bei dem Tempo in ihrem Berufsalltag manchmal schlichtweg schwindelig werden könnte.

startup, meeting, brainstorming

Wer sie nicht besser kennt, hält Introvertierte aufgrund der Distanz und ihres Schweigens manchmal für arrogant oder mit etwas Glück für sehr schüchtern. Wenn sie in einem Meeting vor lauter extrovertierten Äußerungen nicht zum Nachdenken und Antworten kommen, wird ihnen fälschlicherweise oft unterstellt, keine Ahnung und keine Meinung zu haben. Manch einer vermutet sogar, dass sie unsozial und unkooperativ sind. Sonderlinge halt.

Dabei ist das überhaupt nichts Persönliches gegen ihre Arbeitskolleg*innen. Introvertierte geben nicht gerne viel von sich preis, sowohl im Berufsleben als auch im Privatleben. Zumindest nicht, ohne eine bestimmte persönliche Basis mit den entsprechenden Personen geschaffen zu haben. Sie sortieren sehr akribisch, wem sie welche Einblicke gewähren. Man muss sie schon gut kennen und ihr Vertrauen gewonnen haben, bevor sie jemanden wirklich »hinter die Fassade« blicken lassen. Nicht, weil sie sich für etwas Besonderes halten – im Gegenteil!

Reizüberflutung kann problematisch sein

Wenn Introvertierte im Berufsalltag gereizt oder brummig erscheinen, hat es nichts mit den Kolleg*innen persönlich zu tun. Die oft laute Geräuschkulisse und die Reizüberflutung gerade in großen Büros lösen bei ihnen manchmal ungewollt Stress aus, so dass sie dann unwirsch reagieren, obwohl sie das gar nicht wollen. Schon ein kleines Büro, in dem eine introvertierte und eine extrovertierte Person sitzen, kann den Stresspegel gewaltig anheben. Wenn Kolleg*innen zudem noch permanent mit sich selbst reden, stehen introvertierte Menschen kurz vor dem Wahnsinn. Hier kann ein Noise Cancelling Headset oder Kopfhörer Sinn machen, um die Hintergrundgeräusche auszublenden und den Fokus wieder auf die Arbeit zu ziehen.

Extrovertierte Zeitgenoss*innen verstehen auch selten, warum introvertierte Menschen im Berufsleben und auch privat von Unterbrechungen jedes Mal so irritiert und aus dem Kontext gerissen werden können. Die Ablenkung, die ihnen manchmal sogar sehr gelegen kommt, kostet Introvertierte enorm viel Konzentration und Energie. Es fällt ihnen schwer, nach Unterbrechungen wieder nahtlos da anzuknüpfen, wo sie unterbrochen wurden. Kurze Fragen lassen sich daher für beide Seiten besser über intern genutzte Chatsoftware wie Slack oder Skype klären. Umfangreichere Themen mit mehr Klärungsbedarf sollten in einem kurzen Termin besprochen werden. So können sich introvertierte Kolleg*innen auch besser auf das Thema vorbereiten.

Was können Introvertierte im Berufsleben tun?

Prinzipiell gibt es in den meisten Berufen und Arbeitsstätten Möglichkeiten, die Introvertierte im Berufsleben nutzen können, um das Arbeiten für sich ein wenig angenehmer zu machen. Mit etwas Absprache können sie sich ein wenig ungestörte Arbeitszeit und Rückzugsmöglichkeiten sichern.

  • Manche Arbeitgeber bieten flexible Arbeitszeiten an. So können sie vor oder nach der regulären Hauptarbeitszeit etwas ungestörter arbeiten.
  • Wenn sie viel telefonieren auf der Arbeit, ist es sinnvoll, mit den Kolleg*innen eine Zeit zu vereinbaren, in der sie ihr Telefon kurz auf Weiterleitung schalten können. Das muss nicht lang sein. Dennoch können schon 15 Minuten abschalten und durchatmen den Stresspegel deutlich herunterfahren.
  • Viel »Besuch« im Büro? Solange man nicht in einem Durchgangsbüro sitzt, kann es helfen, von Zeit zu Zeit ein »Bitte nicht stören«-Schild an die Tür zu hängen.
  • Manche Vorgesetzte bieten ihren Angestellten auch die Möglichkeit, zwischendurch oder sogar regelmäßig einen oder mehrere Homeoffice-Tage einzulegen. Sofern zu Hause eine vernünftige Arbeitsatmosphäte herrscht und die Nachbarn nicht augenscheinlich das komplette Gebäude kernsanieren wollen, lassen sich mit dieser Option die Energiereserven wieder auffüllen und die Produktivität ein Stück anheben.

Bis zu einem gewissen Grad können sich Introvertierte im Berufsleben auch extrovertierte Züge »antrainieren« und in mancher Hinsicht ist das auch sinnvoll. Etwas mehr auf die Kolleg*innen zugehen, sich in Smalltalk üben, sich nicht von allen gemeinsamen Aktivitäten ausschließen. Natürlich sollen introvertierte Menschen ihre eigene Persönlichkeit auch im Beruf nicht auf links krempeln. Aber wenn sie ihren Job wirklich gern machen und sie ihre Introversion stellenweise ausbremst, dann sollten sie sich einmal genau ansehen, wo. Das sind die Stellen, wo sie sich überlegen sollten, ob sie ihr eigenes Vorgehen anpassen oder mit den oben beschriebenen Ideen für etwas mehr Ruhe und Entspannung sorgen können.

Introversion braucht mehr Ruhe

Meine persönliche Erfahrung

Ich habe mir über die Jahre angewöhnt, mit meiner Introversion offen umzugehen. Ich gehe damit nicht hausieren oder schiebe jede Kritik darauf zurück, dass ich introvertiert bin. Aber wenn wesentliche Persönlichkeitszüge von mir angesprochen werden, erkläre ich gerne, warum ich wie agiere. Wenn Kolleg*innen mich fragen, warum ich mittags in der Küche immer so ruhig bin, dann erkläre ich es ihnen. Ich höre durchaus interessiert zu, was alle um mich herum erzählen. Bei vielen Sachen kann ich aber einfach nicht mitreden. Bevor ich dann Unsinn von mir gebe und mich dann über über mich selbst ärgere, höre ich lieber zu und warte auf Themen, zu denen ich etwas betragen kann.

Ich versuche auch, mich unter größere Gruppen zu mischen und mich in Smalltalk zu üben. Letzteres ist immer noch eine meiner Schwächen, aber es wird langsam. Ich nehme mir Zeit, mich auf Meetings vorzubereiten, damit ich nicht nur stumm dabei sitze. Bei uns in der Agentur herrscht immer eine gewisse »Geschäftigkeit«, Stress wäre zu hart ausgedrückt. Aber bei der Menge an Projekten sind alle immer irgendwie »busy«. In unserem aktuellen Durchgangsbüro ist es zudem ohnehin etwas lauter als in einem geschlossenen Raum, in dem ich zwischendurch einfach die Tür kurz schließen kann. Wenn ich merke, dass es mir zu viel wird, setze ich meine Noise Cancelling Kopfhörer auf und höre leise etwas Musik oder ziehe mich in einen Raum zurück, in dem es ruhiger ist. Das machen einige bei uns und so kommt es auch überhaupt nicht komisch rüber.

Wie gehst du mit deiner Introversion im Beruf um?

Wie sind deine persönlichen Erfahrungen als Introvertierte*r im Berufsleben? Gehst du offen damit um oder wissen deine Kollegen gar nichts davon? Triffst du eher auf Verständnis oder Kritik? Erzähl mir von deinen Erfahrungen! Vielleicht hast du ja auch noch Tipps und Empfehlungen, die bei dir gut funktionieren. Schreib sie mir in die Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.