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Introversion bei Teenagern

Introversion bei Teenagern kann schon ein sehr vertracktes Thema sein. Wenn Jugendliche lieber mehr Zeit für sich allein verbringen, läuten bei vielen Erwachsenen die Alarmglocken. Das Kind könnte traumatisiert sein. Oder Depressionen haben. In der Tat kann sozialer Rückzug darauf hindeuten. Manchmal hat er aber auch ganz einfache Lösungen: Es kann sich schlicht und ergreifend um introvertierte Teenager handeln.

Wenn Jugendliche sich plötzlich zurückziehen, sollte man immer hellhörig werden. Wenn sie vorher aufgeschlossen und gesellig waren, dann kann es ein Alarmsignal sein, dass etwas im Umfeld des Kindes nicht stimmt. Schule, Freunde, Mobbing – die Gründe können überall liegen und sollten durch umsichtige Gespräche erfragt werden. Bei jungen Teenagern oder Kindern an der Grenze zur Jugend kommen solche Veränderungen häufiger vor als bei älteren Teenagern.

Wenn dein Kind jedoch schon vorher eher ruhig und in sich gekehrt war, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich diese Zurückgezogenheit als Teenager noch etwas intensiviert. Die Chance ist hoch, dass dein Teenager introvertiert ist. Sie nehmen sich mehr Zeit für sich als andere, um herauszufinden, was sie für sich in naher Zukunft wollen und was zur Hölle da mit ihnen passiert. Denn, machen wir uns nichts vor: Pubertät ist alles andere als einfach. Erst recht nicht, wenn man die meisten Probleme mit sich ausmacht.

Introvertierte Teenager
Photo by Blake Barlow on Unsplash

Introvertierte Teenager haben ganz eigene Probleme

Teenager geben sich generell taff und unnahbar, zurückgezogen – das ist schließlich cool. Bei introvertierten Teenagern nimmt das dann gerne noch mal stärkere Ausmaße an. Das ist bei Introversion durchaus normal. Nichtsdestotrotz darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Teenager mit Introversion durchaus ihre eigenen Probleme haben.

Der Wunsch »dazuzugehören« kann dazu führen, dass introvertierte Teenager sich unnötig verbiegen

Introversion bei Kindern äußert sich meistens darin, dass sie deutlich älter wirken, als manche ihrer Altersgenoss*innen. Sie wirken wie die sprichwörtliche »alte Seele«. Um bei den Gleichaltrigen akzeptiert zu werden, verhalten sich manche introvertierte Teenager absichtlich jünger und alberner, um sich anzupassen.

Mobbing – auch für introvertierte Teenager ein Thema

Introvertierte Teenager sind deutlich ruhiger als ihre Klassenkamerad*innen und stechen dadurch meist aus der Klassengemeinschaft hervor. In den Pausen stehen sie meist für sich allein oder mit wenigen anderen, um nicht im Zentrum des Trubels zu sein. Sie halten sich aus vielen lauten Diskussionen heraus und kassieren dafür viele verletzende Sprüche der andern Jugendlichen. Mobbing muss nicht immer aus Handgreiflichkeiten bestehen, das geht bei kontinuierlichen Beleidigungen los. »Du bist komisch« ist dabei das harmloseste. »Freak«, »Behindert« und noch viel verletzendere Beleidigungen können in dem Alter das Selbstbewusstsein erheblich beeinträchtigen. Noch schlimmer wird es, wenn rassistische und fremdenfeindliche Kommentare und Handlungen hinzukommen.

Da sie so aus der Masse hervorstechen, zweifeln introvertierte Teenager oft selbst an sich, dass sie anders sind. Irgendwas müsse doch falsch an ihnen sein, dass sie nicht wie die anderen sind! Mobbing schlägt genau in diese Kerbe und vertieft diese Zweifel. Der Fehler liege bei ihnen, sie wären nicht richtig, sie wären abartig. Darum ist es für uns Eltern enorm wichtig, unseren Kindern schon vorher zu vermitteln, dass Introversion nichts Falsches oder Schlechtes ist und dass es völlig in Ordnung ist, sich von der breiten Masse abzuheben.

Zu viele Menschen in der Schule zehren an den Energiereserven

Hast du dich schon mal gefragt, warum dein Kind nach der Schule so extrem müde ist? Meine Tochter kommt nach Hause, wirft den Rucksack in die Ecke, legt sich aufs Bett – und schläft bis abends, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Das hat mich damals extrem irritiert und – wenn ich ehrlich bin – auch ein wenig besorgt. Von dem komplett durcheinander geratenen Tages- und Schlafrhythmus mal ganz abgesehen, muss es doch irgendwelche Ursachen haben, warum mein Kind die ganze Zeit nur schläft, oder? Ist es vielleicht krank? Nein, ist es nicht. Nur introvertiert. Je klarer diese Eigenschaft bei meiner Tochter hervortrat, erklärten sich viele Details in ihrem Verhalten – wie eben auch das Schlafbedürfnis.

Introvertierte Kinder sind völlig überfordert mit den ganzen Schülern, die an einem Schultag um sie herum sind. Erst recht in den Pausen. Der Geräuschpegel stört sie erheblich und die ganze Reizüberflutung saugt ihre Akkus richtiggehend leer. Das wird auf der weiterführenden Schule nicht besser. Im Gegenteil. Mehr Unterricht, mehr Schüler, mehr Reize. Ihnen deswegen zusätzlich Vorhaltungen zu machen, ist nicht sinnvoll, weil sie absolut nichts dafür können. Sie sind schlichtweg so erschöpft, dass sie sprichwörtlich im Stehen einschlafen könnten.

Weil sie so zurückhaltend sind, wird ihnen weniger zugetraut

Nur, weil introvertierte Teenager ruhig und zurückhaltend sind, heißt es nicht, dass sie keine Ideen und keine Meinung haben. Sie sind nur vorsichtiger, diese nach außen zu tragen. Weil sie aber so ruhig sind, werden ihnen diese überhaupt nicht zugetraut oder völlig aberkannt. Das frustriert und demotiviert enorm und irgendwann haben die Teenager dann überhaupt keine Lust, noch irgendetwas beizutragen. Wir Introvertierten haben einfach nicht das Bedürfnis, jeden einzelnen vorüberziehenden Gedanken nach außen hin zu kommunizieren. Mit etwas Übung kann dieses Problem gemildert werden. Man kann üben, seine Ideen und Gedanken den anderen mitzuteilen. Zuerst den Personen, denen man wirklich vertraut, dann im kleinen Kreis und mit steigender Übung wird dieser ausgebaut. Hierbei können Teenager einen eigenen Weg finden, zu kommunizieren, der sich für sie natürlicher anfühlt.

Wirkliche Freunde finden kann für introvertierte Teenager schwieriger sein

Manche Menschen haben dieses scheinbar angeborene Talent, auf Menschen zuzugehen und sofort neue Freundschaften schließen zu können. Bei uns introvertierten Menschen sieht es hingegen ganz anders aus. Das zeigt sich auch schon bei Teenagern mit Introversion. Nur, weil wir Menschenmassen möglichst meiden und uns regelmäßig zur Ruhe zurückziehen, sind uns soziale Kontakte dennoch nicht völlig egal. Aber wie auch bei allem anderen, das wir tun, legen wir hier auf die Qualität Wert. Wir suchen Freunde, auf die wir uns verlassen können. Wir legen Energie in die Freundschaft – für uns Introvertierte eine sehr wertvolle Ressource. Manchmal neigen introvertierte Teenager dazu, »normale« Schulfreundschaften bzw. Bekanntschaften stärker zu bewerten, als ihr Gegenüber. Das kann schnell zu Frustration und Vertrauensverlust führen. Und das wiederum zu einem niedrigen Selbstwertgefühl.

Zudem kommt die besondere Herausforderung hinzu, dass Teenager mit Introversion versuchen, Freunde zu finden, bei denen sie nicht ihre ganzen Energiereserven aufbrauchen. Darum suchen sie meist intuitiv den Kontakt zu anderen Introvertierten. Das Problem hier ist bei beiden allerdings die erschwerte Kontaktaufnahme durch die Introversion: Keiner mag den ersten Schritt machen.

Introversion bei Teenagern – auch für Eltern eine Herausforderung

So schwierig und verwirrend Introversion bei Teenagern sein kann für die betroffenen Jugendlichen – für uns Eltern ist es nicht weniger herausfordernd. Müssen wir doch erst einmal analysieren, was mit unseren Kindern »los ist« und dann grübeln, wie wir sie bestmöglich unterstützen können. Dabei versuchen wir zusätzlich, uns von ihren Launen nicht allzu sehr stressen zu lassen. Denn trotz allem sind sie auch »nur« Teenager – mit allem, was zur Pubertät gehört! Von der Faulheit über die wechselnden Launen bis hin zu Wortgefechten, nach denen wir entweder eine Flasche Wein oder einen Psychiater für uns selbst bräuchten.

Hast du die Befürchtung, dass aus deinem Teenager nichts Gescheites wird, wenn er oder sie so verschlossen ist, nie raus geht und wenig soziale Kontakte hat? Ich denke, wir können uns da beruhigt wissen: Zwei der berühmtesten Introvertierten sind Bill Gates und Barack Obama. Ich denke, für unsere introvertierten Kinder besteht durchaus Hoffnung 😉

Introversion bei Teenagern – ein persönlicher Einblick

Als meine Tochter in die Schule kam, zeichnete sich bereits ab, dass sie introvertiert ist. Das hat sie von mir. Ich kann viele ihrer Wesenszüge in mir und meiner Vergangenheit wiedererkennen. Mit einem Unterschied: Damals wusste keiner, was mit mir los ist und alles, was ich zu hören bekam, war: »Du musst mehr aus dir rausgehen! Sonst bringst du es niemals zu etwas im Leben. Es kommt doch keiner auf dich zu, weil du so toll bist!«

Hätte mir damals jemand gesagt: »Du bist introvertiert. Das ist okay, aber wenn du manche Dinge ein klein wenig anders angehst, machst du es dir viel einfacher.«, dann hätte mein Leben vermutlich ganz anders ausgehen. Hat aber niemand. Umso wichtiger ist es mir, meiner Tochter das Gefühl zu bestätigen, dass Introversion etwas Gutes ist – wenn man sie vernünftig zu nutzen weiß. Meine Tochter hat andere Bedürfnisse als beispielsweise ihre Cousine, die Beiden wirken nebeneinander wie Tag und Nacht – und das liegt nicht nur allein an dem Altersunterschied.

Introversion JUgendlicher Comic
Photo by Anton Danilov on Unsplash

Wie äußert sich die Introversion bei meiner Tochter? Das reicht von kleinen Details, dass sie Feinheiten »zwischen den Zeilen« mitbekommt, die ganze Zeit zu grübeln scheint, bis hin zu markanten Merkmalen, die typisch sind für Introversion:

  • Nach der Schule legt sie sich als allererstes hin und schläft, um ihre Energiereserven wieder aufzuladen.
  • Sie hat wenige Freunde, aber die sind genauso introvertiert wie sie und verstehen, wie sie tickt.
  • Statt mit anderen Klassenkameraden ins Freibad zu gehen oder zum Shopping, bleibt sie mit einem Buch oder Manga in ihrem Zimmer oder geht mit ihrem besten Freund in den Comic Shop.
  • Bevor sie einen einzigen Anruf tätigt, schickt sie lieber 113546 WhatsApp-Nachrichten. Wenn jemand sie spontan anruft, kann es passieren, dass sie nicht rangeht.
  • Sie hat wahnsinnig gute Noten, beteiligt sich aber mündlich nicht mehr als unbedingt nötig. Dafür hat sie keine Probleme, bei einer Gruppenarbeit den ganzen Schreibanteil zu übernehmen oder schriftliche Zusatzaufgaben zu übernehmen.
  • Bevor sie ihren Freundeskreis aufgebaut hatte, saß sie in der Schulpause immer mit einem Buch oder ihrem aktuellen Lieblings-Manga in einer ruhigen Ecke, weitab von allem Trubel.
  • Auf Familiengeburtstagen zieht sie sich nach relativ kurzer Zeit in eine ruhige Ecke zurück, weil ihr das Drumherum zu laut und zu rummelig ist.

Am Anfang habe ich versucht, sie in die »richtigen Bahnen« zu lenken, aber mal ganz unter uns: Wer sagt uns, was richtig und falsch ist? Sie hat Freunde, sie hat gute Noten, sie ist höflich und zuvorkommen – das Ergebnis stimmt also. Warum soll ich ihr dann nicht ermöglichen, ihren eigenen Weg zu finden? Einen der zu ihr passt?

Mehr Infos rund um Teenager mit Introversion gefällig?

Suchst du Inspiration und Tipps, wie du im Alltag mit introvertierten Teenagern gelassen bleiben kannst? Wie du sie unterstützen kannst? Und möchtest du wissen, welche Herausforderungen sich einem Teenager mit Introversion stellen? Dann bist du in dieser Kategorie goldrichtig aufgehoben!