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Introversion im Beruf

Introvertiertheit im Beruf

Montagnachmittag. Meeting in großer Runde. Projektplanung mit dem Chef. Alle beteiligen sich rege an der Ideensammlung, Vorschläge werden durcheinander gerufen. Alle? Nicht alle. Zwei unbeugsame Mitarbeiter*innen sitzen über ihre Notizblöcke gebeugt, hören aufmerksam zu und machen sich fleißig Stichpunkte. Keiner von beiden nimmt aktiv an der Diskussion teil. Menschen mit Introversion erkennt man in Diskussionen leicht: Sie sind meist die, die schweigsam am Rand sitzen und zuhören.

Kommt dir das bekannt vor? Vielleicht sogar aus eigener Erfahrung? Was mich angeht, ich werde in 80% der Fälle einer von den beiden Kolleg*innen sein, die – Zettel und Stift gezückt – der ganzen Debatte aufmerksam folgen, ohne auch nur einen aktiven Satz dazu beizutragen. Nicht, weil mich das nicht interessiert. Bei weitem nicht! Sondern schlicht und ergreifend, weil ich meine Antwort und meine Meinung gar nicht so schnell in gesprochene Worte verpacken kann, wie sie für die Debatte benötigt werden. Während mir die Ideen der Kolleg*innen nur so um die Ohren fliegen, ist mein Kopf noch damit beschäftigt, meine eigene Idee zu formulieren und das Für und Wider abzuwiegen. Ist die Idee wirklich gut? Oder ist sie vielleicht kompletter Quatsch?

Introvertierte im Job – die »leisen« Kollegen auf dem Büroflur

Introversion - Introvertierte Kollegen brauchen Ruhe
Bild von StartupStockPhotos auf Pixabay

Introvertierte Mitarbeiter*innen gehen in manchen Firmen regelrecht unter. Gerade in großen Unternehmen, wo die vermeintliche Ellenbogengesellschaft vorherrscht. Während es für uns Introvertierte normal ist, leise und unauffällig durch die Büroflure zu eilen, ist es für viele unserer extrovertierten Kolleg*innen absolut unverständlich, warum wir uns so zurückziehen – ja, manchmal regelrecht abkapseln.

Wenn wir ein angenehmes Arbeitsumfeld haben, fällt es uns manchmal leichter, uns anzupassen. Nichtsdestotrotz ist der überwiegende Teil der Arbeitswelt auf Extroversion ausgelegt. Dauerbeschallung in Großraum- und Durchgangsbüros, Meetings, Teamevents – das alles können durchaus Hürden für Menschen mit Introversion sein.

Was allerdings nicht heißt, dass wir nicht auch in großen Firmen und Agenturen arbeiten und sogar glücklich werden können. Unter ein paar Voraussetzungen klappt das sogar sehr gut.

Introvertierte Kolleg*innen müssen eine eigene Balance finden zwischen dem Gruppentreiben und dem Wunsch nach Ruhe. Wir brauchen ein paar Dinge im Arbeitsalltag, damit wir uns voll entfalten können:

  • Kleine Auszeiten zwischendurch damit der Kopf frei wird.
  • Ein paar Momente allein, damit wir durchatmen können.
  • Stille Momente, damit wir uns auf unsere Kreativität konzentrieren können.

Während extrovertierte Kolleg*innen aus den Meetings und den vielen sozialen Kontakten in beispielsweise einer Agentur Energie ziehen, kosten uns diese Momente eher Energie. Introvertierte laden ihre Akkus eher in stillen Augenblicken auf. Die Mittagspause, ein paar Minuten Auszeit im leeren Meetingraum – wir brauchen nicht viel. Keine Sonderbehandlung, eher Momente, in denen man uns einfach kurz in Ruhe lässt. Dann geht’s mit frischer Energie weiter.

Introversion braucht mehr Ruhe
Bild von StartupStockPhotos auf Pixabay

Better safe than sorry – Introvertierte gehen auf Nummer sicher

Was die Ausarbeitung bestimmter Aufgaben angeht, sind Introvertierte meist Einzelkämpfer. Wir arbeiten uns tief in ein Thema ein und grübeln vor uns hin. In der Regel erarbeiten wir unsere Ideen alleine und im Stillen und geben diese erst preis, wenn wir die gründlich durchdacht, geprüft, für gut befunden haben und bereit sind, sie mit anderen zu teilen. Uns ist wichtig, die Dinge sowohl richtig, als auch gründlich zu machen, wir legen viel Wert auf Qualität. »Mal eben schnell« ist eine Wortkombination, die bei uns Gänsehaut verursacht – aber eines von der unangenehmen Sorte!

Bei extrovertierten Kolleg*innen hingegen sieht es ganz anders aus. Da entwickeln sich die Ideen quasi »on the fly«. In einer Gruppendiskussion, in einem Meeting, in Arbeitsgruppen oder in Videokonferenzen – auf jeden Fall meist mit anderen zusammen. Sie brauchen die Bestätigung von anderen, den Kontakt mit anderen und ständiges Feedback. Das kann von Kolleg*in zu Kolleg*in variieren, aber der Grundtenor ist immer ähnlich.

Introversion: Konzentration ist King

Wenn wir uns an die Ausarbeitung einer Aufgabe begeben, dann aber richtig! Dazu schotten Introvertierte sich auch mal komplett ab und blenden alles um sie herum aus. Wenn ich persönlich keine Möglichkeit habe, aus unserem Durchgangsbüro zu »fliehen«, setze ich mir gerne Lärmschutzkopfhörer oder Bluetooth Kopfhörer auf (letzteres aber bitte von der Kategorie »noise cancelling«!!). Dann bin ich in meiner eigenen kleinen Welt und kann mich darauf konzentrieren, was gerade ansteht.

Situationen wie Brainstorming, Gruppendiskussionen oder die permanente Geräuschkulisse eines Durchgangsbüros reißen uns laufend aus der Konzentration oder lassen sie erst gar nicht aufkommen. Auch die Vorstellung, unsere Ideen vorzeitig mit anderen teilen zu müssen, obwohl sie vielleicht noch gar nicht fertig entwickelt – und wir noch überhaupt nicht selbst von ihnen überzeugt – sind, stresst und Menschen mit Introversion ungemein. Das sind Situationen, die wir eher als lästig und kräftezehrend empfinden – nach denen wir dann unbedingt ein paar Minuten Pause für uns brauchen.

Introversion und Fokus
Photo by Chase Clark on Unsplash

Introversion im Job: überspielen oder kommunizieren?

Ich persönlich glaube, dass es hier keine pauschal feste Aussage geben kann. In vielen Unternehmen gilt Introversion eher als Schwäche, die betreffenden Personen als verschlossen oder sogar nicht leistungsfähig. Dabei sind wir ja unter den richtigen Voraussetzungen genau das Gegenteil! Aber Menschen, die nicht zur Selbstdarstellung neigen oder leiser sind als andere, gehen in der Masse schnell unter. Wer sich nicht in den Vordergrund traut, dem wird leider generell schnell weniger zugetraut. Daher versuchen viele Introvertierte, ihre Persönlichkeit zu überspielen. Das funktioniert relativ, wenn man genügend Ausgleich außerhalb der Arbeit hat, um die verbrauchten Reserven wieder aufzuladen. Wenn nicht, kann es ziemlich schwierig werden und sogar krank machen.

Prinzipiell sollte man schon dazu stehen, introvertiert zu sein. Denn nur, wenn man offen kommuniziert, wie es einem geht und was man braucht, können andere darauf eingehen. In Unternehmen, in denen also keine pauschale Ablehnung praktiziert wird, würde ich auf jeden Fall empfehlen, offen mit dem Thema Introversion umzugehen. Es kommt vielleicht nicht bei jedem gleich gut an und wird eventuell auch von manchen belächelt werden. Dennoch können die Kolleg*innen besser nachvollziehen, wenn die betreffenden Personen plötzlich für kurze Zeit von der Bildfläche verschwunden sind oder sich regelrecht abschotten.

Schadet Introversion der Karriere?

Ich würde liebend gerne ein klares »Nein!« schreiben. Leider kommt es auch hier wieder darauf an, in welchem Job du arbeitest. Wenn du in einem Unternehmen bist, das dich nicht wertschätzt und ständig kritisiert, weil du nicht dieselbe Leistung bringst wie extrovertierte Kolleg*innen – dann stellt dir deine Introversion leider ein Bein. Dann hast du zwei Möglichkeiten: Entweder, du lernst dich zu verbiegen und deine Introvertiertheit zu überspielen – falls du unbedingt in dem Unternehmen und diesem Job bleiben möchtest. Oder du suchst dir einen Job oder ein Unternehmen, in dem man weiß, dass Introvertierte unter den richtigen Voraussetzungen ein wahrer Jackpot sein können. Kompromisse geht man immer ein. Und das ist auch gut so. Ohne Kompromisse kommen wir nicht durchs Leben. Wenn aber deine Stärken anerkannt und geschätzt werden, dann sind Kompromisse auch absolut kein Problem mehr.

Wichtig ist, dass du etwas tust, was du gerne machst. Und dass dir deine Kolleg*innen und Vorgesetzte*n die Chance geben, dich deinen Stärken und deiner Persönlichkeit entsprechend einzubringen. Und dass du die Möglichkeit hast, deine Bedürfnisse auch im Berufsalltag zu berücksichtigen:

  • Ruhe, wenn du sie brauchst
  • Zeit zum Nachdenken
  • Anerkennung deiner Persönlichkeit
  • Die Chance, selbstständig zu arbeiten

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