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Introvertierte einsam oder allein

Introvertiert: Einsam oder allein? Ein hartnäckiger Mythos.

In den letzten Tagen las ich eine Slideshow auf LinkedIn von Chris Jahnke. Dieser führte vor Augen, dass vielen Introvertierten nachgesagt wird, sie seien einsam. Doch häufig ist das Gegenteil der Fall. Wie kommt das? Das rührt daher, dass viele Menschen die Begriffe einsam und allein für sich gleichsetzen, obwohl ein himmelweiter Unterschied zwischen ihnen besteht. Zeit, das Thema einmal genauer zu beleuchten.

Warum wird Introvertierten ständig Einsamkeit unterstellt?

Das führt zurück auf die Wesensmerkmale von Introvertierten. Um nicht allzu weit auszuholen, was Introversion ist, hier nur eine kurze Zusammenfassung:

Introvertierte Menschen sind eher nach innen gekehrt, viel ruhiger und zurückhaltender als extrovertierte Menschen. Sie denken in der Regel erst lange nach, bevor sie zu Meetings oder Gesprächen etwas beitragen. Was aber nicht heißt, dass sie dem Ganzen nicht aufmerksam folgen. Sie bevorzugen die Ruhe und ziehen sich gerne zurück, um neue Energie zu schöpfen, wenn sie von Meetings, Veranstaltungen oder Ereignissen erschöpft sind.

Menschen, die introvertiert sind, ziehen sich zwischendurch gerne zurück, um eine Weile allein zu sein. Beispielsweise, um die laute Geräuschkulisse einer Veranstaltung für einen Moment ausblenden und den Kopf wieder etwas klarer kriegen zu können. Oder auch einfach, um bei einem mit Meetings gespickten Zeitplan in Ruhe durchatmen und neue Energie sammeln zu können. Ereignisreiche Veranstaltungen oder viel Kontakt zu anderen Menschen entziehen Introvertierten schneller ihre Energie, als es bei Extrovertierten der Fall ist.

Introvertierte Gehirne ticken anders

Der Unterschied zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen ist nicht etwa nur eine Gefühlssache oder bloßes Hörensagen. Es ist tatsächlich wissenschaftlich erwiesen, dass die Gehirne von introvertierten bzw. extrovertierten Menschen unterschiedlich “ticken”. Während Extrovertierte durch mehr Kontakt, mehr Veranstaltungen, mehr äußere Reize mithilfe von Adrenalin ihre Dopaminproduktion in Fahrt bringen müssen, um stimuliert zu sein, genügt bei uns “Intros” bereits ein niedriger Dopaminspiegel. Zuviel davon und wir fühlen uns wie nach einem zweitägigen Marathon, obwohl man doch eigentlich eine 5 in Sport und keine Zeit zur Vorbereitung hatte.

Image by Colin Behrens from Pixabay 

Zudem legen Nervenimpulse in introvertierten Gehirnen eine deutlich längere, verschlungenere “Strecke” zurück, wobei eher prozessuale Hirnareale durchlaufen werden. Diese werden eigentlich zum Planen oder zur Problemlösung genutzt. Zum Vergleich: Bei extrovertierten Menschen sind eher emotionale und sensorische Areale betroffen. Wer sich eingehender mit dieser Materie beschäftigen will, dem lege ich das Buch The Introvert Advantage: How Quiet People Can Thrive in an Extrovert World von Marti Olsen Laney ans Herz.

Allein ist nicht gleich einsam

Menschen, bei denen die introvertierte Persönlichkeit stärker ausgeprägt ist, brauchen also öfter Auszeiten und Ruhe für sich. Das äußert sich in unterschiedlichen Varianten:

  • Auf der Arbeit ziehen sie sich in der Pause von den anderen Arbeitskollegen zurück oder setzen Kopfhörer auf, um die “Außenwelt auszublenden”.
  • Statt mit Bekannten und Freunden am Wochenende Feiern zu gehen, sitzen sie lieber zu Hause mit beispielsweise einem guten Buch und einem Glas Wein.
  • Sie nutzen ihre Freizeit oft lieber dazu, ihre Hobbys und Kreativität auszuleben, als ein umfangreiches Freizeitprogramm aufzusetzen.

Aber ist ein “Intro” auch einsam, weil er oft allein ist? Dafür sollten wir vielleicht einmal die Begriffe selbst unter die Lupe nehmen!

Was genau heißt eigentlich “allein”?

In vielen Online- und Zeitungsartikeln wird “Alleinsein” mittlerweile oft mit “Einsamkeit” gleichgesetzt. Somit wird suggeriert, das beides dasselbe ist. Und das ist ein eklatanter Fehler. Denn wer allein ist, ist nicht zwangsläufig auch einsam.

Alleinsein bedeutet nichts weiter als den Zustand, nicht mit anderen Menschen zusammen zu sein. Nur mit sich zu sein. Eben allein. Diesen Zustand habe ich in der Regel selbst gewählt und kann ebenso selbst etwas daran ändern. Ich kann mich mit den anderen in die Büroküche setzen. Oder mit Freunden am Wochenende rausgehen, anstatt zu Hause zu schreiben. Ich kann mich aber auch ebenso dagegen entscheiden. Es ist eine freiwillige Entscheidung.

Introvertierte sind zwischendurch gerne allein
Photo by Eugene Chystiakov on Unsplash

Einsamkeit ist nicht freiwillig

Im Gegensatz zum Alleinsein, ist die Einsamkeit kein Zustand, sondern ein Gefühl. Man fühlt sich einsam und verlassen. Von der Welt abgeschnitten. Ausgeschlossen. Das geht nicht nur allein. Ich kann in einem Raum voller Menschen sitzen – und mich trotzdem so einsam fühlen wie der letzte Mensch auf Erden. Weil mir niemand Beachtung schenkt. Oder ich niemanden kenne. Einsamkeit bringt häufig ein Gefühl innerer Leere mit sich. Der springende Punkt ist: Während Menschen das Alleinsein freiwillig suchen, wählen sie die Einsamkeit niemals freiwillig.

Im Prinzip erwischt Einsamkeit jeden von uns mindestens einmal im Leben. Am ersten Schultag, nach einer Trennung, nach dem Tod einer geliebten Person. Sicher ist davor niemand.

Nur, viele Personen “verheddern” sich in ihr, kommen aus eigener Kraft nicht wieder heraus. Dann spricht man von “Vereinsamung”.

Einsamkeit ist nicht freiwillig
Photo by Anthony Tran on Unsplash

Introversion bedeutet nicht “Vereinsamung”

Bedeutet Introversion jetzt, dass wir nur zu Hause sitzen – allein – und nichts unternehmen? Nein! Wir haben genauso unseren Freundeskreis. Der eine größer, der andere kleiner. Wir gehen ebenso aus mit ihnen. Nicht so oft, und meist in etwas kleinerem Kreis – aber auch wir “Intros” brauchen von Zeit zu Zeit einen Tapetenwechsel. Wir sind nicht einsam.

Wir treffen uns mit Freunden – bei Freunden, bei uns oder draußen. Wir gehen zu Veranstaltungen, Konzerten, Märkten – nur brauchen wir anschließend Zeit für uns, um unsere Energiereserven wieder aufzuladen.

Es wird Zeit, dass langsam korrekt zwischen diesen beiden Begriffen unterschieden und introvertiert nicht mit einsam abgestempelt wird.

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