[dsgvo_service_control]

introvertiert oder Angststörung?

Introversion oder doch Angst? Das ist manchmal nicht so klar auseinander zu halten, da sich die Anzeichen zum Teil überschneiden.

0 0
Lesezeit7 Minuten, 30 Sekunden

Introvertierte sind oft zurückhaltender, vorsichtiger und halten sich häufig bewusst im Hintergrund. Nach einem langen Arbeitstag noch mit den Kollegen etwas trinken gehen? Das wird selten passieren, denn der Akku des Intros läuft bereits auf Reserve. Partys und große Veranstaltungen? Eher die Pflicht als die Kür für uns Introvertierte.

Doch ist tatsächlich immer nur die Introversion für den Rückzug verantwortlich? Nicht wenige Introvertierte sind zusätzlich von Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen betroffen, ohne es zu merken. Einige der Symptome überkreuzen sich nämlich tatsächlich – und den Rest können wir gekonnt ausblenden. Wir  sind halt anders, oder? Aber dennoch lohnt sich oft ein zweiter Blick auf die eigene Psyche.

Gestatten: Introversion - eine Kurzvorstellung

Introversion – oder auch Introvertiertheit – bedeutet im Grunde nichts anderes als “nach innen gerichtet”. Introvertierte wirken oft in sich gekehrt, machen ihre Gefühle und Probleme mit sich selbst aus, anstatt sie nach außen zu tragen. Während extravertierte Menschen erst richtig aufblühen, wenn sie mit anderen Menschen zusammen sind und daraus ihre Energie ziehen, sind solche Situationen für introvertierte Menschen eher Energiefresser. Sie laden ihren Akku auf, indem sie beispielsweise zu Hause entspannen oder mit wenigen Freunden einen ruhigen, harmonischen Abend verbringen.

Introvertierte Menschen beobachten lieber erst, anstatt direkt selbst tätig zu werden. Sie beobachten, analysieren und suchen nach der besten Vorgehensweise – während extravertierte Menschen sich direkt ins Getümmel stürzen nach dem Motto “Wir legen erst einmal los. Kurskorrekturen können wir unterwegs vornehmen!”

Frau versteckt sich hinter den Händen aus Introversion oder Angststörung

Auch Betroffene vieler psychischer Erkrankungen und Störungen wirken nach innen gekehrt

Das Merkmal des Nach-innen-gekehrt-seins sollte nie als alleiniges Merkmal dafür dienen, jemand als introvertiert einzuschätzen. Denn es gibt einige psychische Erkrankungen oder Störungen, die dieses Merkmal ebenfalls aufweisen – und manche Menschen sind schlichtweg von Natur aus schüchtern.

Wer oft ängstlich ist, zieht sich fast automatisch zurück, um seine Angst nicht zu zeigen und somit schwach zu wirken. Menschen mit Angststörungen sitzen lieber in ihrem sicheren Zuhause, anstatt groß auszugehen. Sie umgeben sich lieber mit wenigen Menschen, damit sie sich nicht überfordert fühlen. Das alles ähnelt sehr den introvertierten Wesenszügen. Darum bleiben Ängste und Störungen bei Introvertierten oft ewig lange unentdeckt, weil sie sich denken: Ich bin eh anders. Das hat wohl einfach damit zu tun.

Introversion oder soziale Angststörung?

Da die beiden Bereiche sich sehr ähnlich sind, werden sie oft gerne in einen Topf geworfen. Doch nicht jeder Intro ist gleich ängstlich und nicht jede*r, der/die Angst hat, ist gleich introvertiert. Auch extravertierte Menschen können unter Angststörungen leiden.

Es gibt einen Spruch, der Introversion sehr schön von der sozialen Angststörung abgrenzt: “Introversion ist dein Weg. Soziale Angst steht dir im Weg.” So sieht es nämlich aus. Als introvertierte Person hat man einfach andere Wege, mit bestimmten Situationen umzugehen. Mit einer sozialen Angststörung umgeht man bestimmte Situationen lieber direkt, anstatt sich ihnen – und somit der eigenen Angst – zu stellen.

Introvertierte meiden große Menschenansammlungen, Vorträge und übermäßige soziale Interaktionen, weil es ihnen viel Energie entzieht und sie schnell müde werden. Menschen mit sozialen Angststörungen meiden sie, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, zum Gespött zu werden, die Kontrolle zu verlieren oder sich irgendwie komisch zu verhalten.

Der Unterschied zeigt sich in typischen Angstsymptomen

Diese Angst, sich vor anderen zu blamieren, ausgelacht oder verspottet zu werden; nicht gut genug zu sein oder die Kontrolle über die Situation zu verlieren, führt zu verschiedenen Angstsymptomen:

  • Herzrasen
  • feuchte Hände und/oder Schweißausbrüche
  • Beklemmungsgefühle
  • Schwindel und/oder Übelkeit
  • innere Unruhe
  • Atemprobleme
  • Fröstelattacken oder Hitzewallungen

Solche Symptome kennt allerdings jede*r von uns, denn Angst ist im Prinzip normal und wichtig im Leben. Darum wird meist abgewunken, wenn jemand diese Symptome aufweist, weil es für die meisten Menschen tatsächlich halb so wild ist. Ein wenig Aufregung, die sich schon beizeiten legen wird. Nur tut sie das bei einer Angststörung leider nicht.

Wenn man genau hinschaut, gibt es nämlich ein paar Unterschiede:

  • die Angst und ihre Symptome zeigen sich für die Situation unangemessen stark ausgeprägt
  • sie halten über lange Zeit an und legen sich nicht direkt, sobald man aus der Situation heraustritt
  • Betroffene können die Angst weder erklären noch beherrschen
  • die starke Ausprägung führt zu Beeinträchtigungen im Alltag
  • nicht wenige Betroffene geben ihr soziales Leben und ihre Kontakte komplett auf

Manchmal kann es auch aus – für den neutralen Betrachter – unerfindlichen Gründen zu Angstattacken kommen. Die Betroffenen haben das Gefühl, sie bekommen keine Lust mehr, das Herz springe ihnen aus der Brust, Arme und/oder Beine kribbeln – viele von ihnen haben Angst, in diesem Moment einen Herzinfarkt zu erleiden oder sogar zu sterben.

Angststörungen sollten behandelt werden, Introversion nicht

Treten solche Symptome häufiger auf, führen sie meist zu einem sogenannten Vermeidungsverhalten. Aus Angst, uns in solchen Situationen zu vermeiden, weichen wir ihnen aus, so gut es nur geht.

Die Sache hat nur einen Haken: Dieses Vermeidungsverhalten löst das Problem nicht. Angststörungen können sich auf die alltäglichsten Dinge beziehen, wie das Telefonieren oder den Müll rauszutragen. Wir können nicht unser gesamtes Leben anhalten, um diesen Angstsymptomen aus dem Weg zu gehen.

Darum ist es wichtig, Angststörungen zu behandeln und sich seinen Ängsten zu stellen. Das geht allerdings nur, wenn man weiß, dass man unter einer entsprechenden Störung leidet. Daher ist es sinnvoll, mit einem Arzt zu sprechen, wenn man das Gefühl hat, unerklärlich oft oder stark Angst zu haben und die Kontrolle darüber zu verlieren. Das kann auch der Hausarzt für eine erste Einschätzung sein – der beste und erfahrenste Ansprechpartner ist aber meistens der Psychologe, Psychiater oder Psychotherapeut.

Diese können herausfinden, ob es sich wirklich um eine Angststörung handelt oder um eine sehr ausgeprägte Form von Introversion.

Psychotherapie oder doch lieber Selbsttherapie?

Es gibt Menschen, die nehmen ihre Probleme lieber selbst in die Hand. Bei anderen halten sich noch andere Störungen versteckt, die sie daran hindern, einen Therapeuten aufzusuchen. Ich persönlich zähle mich zu beiden Kategorien. Ich war schon immer ein Dickkopf, der sich lieber selbst kümmerte, wenn etwas erledigt werden musste. Außerdem hat mich zusätzlich zur Angststörung eine sogenannte selbstunsichere Persönlichkeitsstörung daran gehindert, frühzeitig einen Therapeuten aufzusuchen. Also habe ich es selbst in die Hand genommen, mich um die ersten Schritte zur Verbesserung meiner Angststörung zu kümmern.

Ich kann aber auch aus eigener Erfahrung sagen, dass es nur bedingt sowohl möglich als auch sinnvoll ist, ohne einen Fachmann oder eine Fachfrau dran zu gehen. Denn oftmals rührt eine solche Angststörung oder Persönlichkeitsstörung von verschiedenen Traumata her. Diese allein wieder aufzubrechen, kann der Psyche unter Umständen mehr schaden als helfen.

Allerdings kann es helfen, in einer ersten Phase selbst an der Angst zu arbeiten und das Selbstwertgefühl so weit zu stärken, damit man bereit ist, den Rest mit einem geeigneten Therapeuten oder einer Therapeutin anzugehen.

Erste Schritte zur Selbsthilfe bei Angststörung

Wenn man sich entscheidet, selbst an seiner Angst zu arbeiten, steht man direkt vor der nächsten großen Frage: Wie fange ich an? Es gibt verschiedene Schritte, die helfen können, einen roten Faden bieten können.

Schritt 1: Kenne deine Angst

Du kannst Verhaltensweisen und Situationen nur verbessern, wenn du weißt, wo das Problem liegt. Daher ist der erste Schritt, deine Angst besser kennen zu lernen. Das klappt am besten, wenn du dir aufschreibst, in welchen Situationen du besonders gestresst bist oder Angst hast; wie du dann reagierst und wie du dich dabei fühlst. Das können ganz alltägliche Sachen sein. Schreibe alles auf, das dir einfällt. Und wenn es nur ist “dem Nachbarn auf der Flurtreppe begegnen”.

Schritt 2: Fordere dich selbst heraus

Direkt wie David gegen Goliath auf die schwersten Fälle loszustürmen wird dir genau eines bringen: Frustration! Was du brauchst, sind positive Erlebnisse und Erfolge. Die bekommst du am ehesten, wenn du klein anfängst.

Wenn du dir deine Stress-Situationen notiert hast, sortiere sie nach einer Skala von 1 (OMG, ist das peinlich) bis 10 (Ruft den Notarzt!).

Als Erstes nimmst du dir die mit der niedrigen Einordnung vor. Begib dich gezielt in solche Situationen und notiere dir, wie du dich gefühlt hast, wie du reagiert hast – und was du deiner Meinung nach hättest anders machen können. Probiere das beim nächsten Mal aus. Fordere dich immer wieder heraus.

Wenn du merkst, dass deine Angst in diesen Situationen besser wird, kannst du zur nächsten Stufe der Einschätzungsskala gehen.

Schritt 3: Feiere deine Erfolge und Fortschritte!

Warum darauf warten, dass uns jemand anderes lobt? Lobe dich selbst, wenn du eine Stress-Situation gemeistert hast. Gönn dir eine Belohnung. Ob du shoppen gehst oder dich mit einem Glas Wein auf der Couch freust oder was auch immer dir guttun würde – mach es!

Dein Gehirn speichert die positiven Erlebnisse ab und gibt dir mehr Elan, an die “schwierigeren Fälle” heranzugehen.

Schritt 4: Sei achtsam

Was zur Hölle heißt eigentlich dieses “achtsam sein?” Im Prinzip nichts anderes, dass du deine Gedanken und Gefühle zulassen kannst, ohne sie zu bewerten oder verurteilen. Du bist sauer, weil dir jemand einen blöden Spruch verpasst hat? Das ist in Ordnung! Du bist neidisch, weil dein Kollege die Beförderung bekommen hat, die du dir so sehr gewünscht hast? Auch das ist in Ordnung. Freu dich trotzdem für ihn. Das geht beides!

Es gibt verschiedene Ratgeber oder auch Achtsamkeitsmeditationen, mit denen du lernen kannst, achtsamer zu werden. 

Happy
Happy
0 %
Sad
Sad
0 %
Excited
Excited
0 %
Sleepy
Sleepy
0 %
Angry
Angry
0 %
Surprise
Surprise
0 %

Average Rating

5 Star
0%
4 Star
0%
3 Star
0%
2 Star
0%
1 Star
0%

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.